Früher war doch nicht alles besser - Das Drei-Generationen-Treffen

Sind aktuelle Autos in ihren Fahreigenschaften ausentwickelt und daher nicht mehr zu verbessern? Zur Beantwortung hilft vielleicht ein Blick in die Vergangenheit.

SP-X/Weilheim. Volvo hat zu einem Generationentreffen geladen – und zwar zu einem ziemlich speziellen Generationentreffen der Cross-Country-Modelle. Dabei handelt es sich um schicke Lifestyle-Kombis mit Allradanrieb und leicht erhöhter Bodenfreiheit quasi als Vorstufe zum SUV. Etwa für Autofahrer, die nicht unbedingt an einem echten SUV interessiert sind. Als Begründer dieses Segments bei Volvo gilt die in den Neunzigern debütierte obere Mittelklasse 850 – später im Zuge des Facelifts zum V 70 avanciert und dann auch als höher gelegte Variante (XC) lieferbar.

Der V 70 XC tritt hier mit 2,4 Liter großem Fünfzylinder-Turbo und 142 kW/193 PS an, überträgt seine Kraft per Fünfgang-Schaltgetriebe. Als zweites Cross Country-Modell steht die Mittelklasse V 60 bereit – sie debütierte im Jahr 2010 und wich 2018 dem bis heute gebauten Nachfolger. Hier im Vergleich tritt ein 2015er V 60 Cross Country als T5 AWD mit 187 kW/254 PS an. Als aktueller Vergleichskandidat dient ein V 90 Cross Country mit 145 kW/197 PS starkem Dieselmotor und milder Hybridisierung (Startergenerator).

Alle drei Kandidaten sind trotz ähnlichen Segments ziemlich unterschiedliche Charaktere. V 70 XC und V 60 Cross Country verbindet der sonor klingende Fünfzylinder, davon setzt sich der Diesel klanglich natürlich deutlich ab.

Doch unsere grundsätzliche Frage lautet ja: Wie haben sich die Autos seit den Neunzigerjahren entwickelt und wie werden sie sich künftig noch weiter entwickeln? Was die reinen Fahreigenschaften angeht, könnte man etwas a priori unterstellen, aktuelle Autos hätten den Gipfel erreicht – besser geht es nicht mehr.

Künftige Autos werden nicht mehr leiser und nicht mehr zwingend komfortabler – und auch nicht unbedingt dynamischer. Die Verbesserung dieser Eigenschaften stand viele Jahrzehnte im Focus der Ingenieur-Kunst. Doch solch klassische Tugenden sind längst auf dem Zenit angelangt – Gegenstand heutigen Fortschritts sind vor allem die Weiterentwicklung von Fahrassistenz sowie Infotainment plus natürlich das Vorantreiben der Effizienz, sprich die Reduzierung vor allem des CO2-Aussstoßes.

Und die Verbesserung des Kompromisses bildet einen Schwerpunkt: Wie kann ein fahrdynamisches ausgelegtes Auto mit modisch angesagter Niederquerschnittsbereifung gleichermaßen komfortabel und flott sein? In puncto Fahrdynamik haben sich moderne Autos in den letzten zwei Jahrzehnten massiv entwickelt, sind spürbar sicherer geworden – liegen satter auf der Straße.

Dennoch bereitet der rund 25 Jahre alte V 70 jede Menge Fahrspaß. Phlegmatisch wirkt der Allradler mit seinen 193 PS nicht gerade, agiert sogar relativ spritzig. Seine Leistung entfaltet das Turboaggregat verhältnismäßig linear, andererseits – ein Quäntchen mehr Biss könnte er ruhig haben. Vielleicht sind wir aber auch nur verwöhnt von den heutigen Leistungsorgien. Übertreiben in den Kehren sollte man es mit dem betagten V 70 nicht, schnell angegangene Kurven erzeugen ebenso rasch heulende Reifen gemeinsam mit einer Tendenz zum Untersteuern.

Genug geräubert, nun ist moderates Cruisen angesagt. Das kann der alte Schwede gut, knarzt dabei ein bisschen und federt Bodenwellen doch wirkungsvoll weg. Sein Schaltgetriebe rastet geschmeidig – auch ein Zeichen aus vergangenen Zeiten, denn heute wird in dieser Liga nicht mehr selbst geschaltet. Der Blick auf den zeitgeistigen LCD-Kilometerzählter offenbart, dass der Test-V 70 aus dem Göteborger Museum bereits propere 205.000 Kilometer auf dem Buckel hat. Und dafür fährt er gut.

Rund dreizehn Jahre später und eine Liga niedriger ist der Zahn der Zeit ebenfalls zu spüren. Dem V 60 (das Modell wurde 2010 eingeführt) merkt man durchaus an, dass er ein halbes Jahrzehnt gealtert ist. Der Tacho mit den konventionellen mechanischen Anzeigen ist heute eben nicht mehr konventionell, und der Navi-Bildschirm erscheint mickrig. Immerhin, die Anbindung des Mobiltelefons per Bluetooth funktioniert tadellos – allerdings stammt das gefahrene Exemplar auch aus dem Jahr 2015.

Das Anlassen des Fünfzylinders stimmt ein bisschen traurig. Geradezu betörend klingt der gereifte Motor im Vergleich mit der heute geradezu belanglosen Vierzylinder-Ware. Fahrstufe „D“ und los geht es. Der V 60 fährt richtig toll, wirkt schon merklich trutziger als der dünnwandig erscheinende V 70. Er schirmt seine Passagiere gekonnt von der Außenwelt ab, bietet Komfort und Sicherheit. Auch fahrdynamisch hat der mit dem allerdings eine Nummer zu groß geratenen Lenkrad ausstaffierte Volvo etwas Unbeschwertes. Prima, wie der Mittelklässler antritt und ganz schön Druck produziert. Traktionsprobleme kennt der Express-Schwede mit recht sämig schaltendem Sechsgang-Doppelkupplungsgetriebe keine – Allradantrieb ist bei 254 PS allerdings auch notwendig.

Dann der Umstieg in den neuen V 90 Diesel – natürlich hier ebenfalls als Cross Country antretend. Volvos Entscheidung, dem Fünfzylinder-Duett einen Diesel beizusteuern, ist durchaus klug – von ihm erwartet man gar nicht erst, dass er toll klingt. Leise muss er vielmehr sein, und an Dämmung haben die Techniker nicht gespart. Der Vierzylinder flüstert dann auch und agiert dabei bärig. Kein Wunder, schließlich stehen bereits ab 1.750 Umdrehungen 420 Newtonmeter bereit, die ein geschmeidiger Wandlerautomat achtfach zu splitten in der Lage ist. Das Lenkrad ist kleiner geworden im Vergleich zum V 60, die Sitzposition im geräumigen V 90 gefällt besonders. Einen guten Kompromiss erzielten die Fahrwerker, denn so sicher wie der große Kombi zirkelt keiner der beiden Vergleichsautos über die kurvigen Landstraßen Oberbayerns – gleichzeitig ist er auch das komfortabelste Fahrzeug im Trio, wozu indes nicht nur die Federung, sondern auch die anschmiegsamen Sessel beitragen dürften. Dabei ist der 197 PS starke Diesel auch noch effizient (5,3 Liter/100 km nach NEFZ) und hinreichend temperamentvoll, wenn auch nicht ganz so stürmisch wie der Fünfzylinder.

Am Ende ist das modernste Trio-Mitglied (V 90 Cross Country B4 AWD, ab 64.150 Euro) auch das ausgewogenste – sein Grundpreis lässt allerdings aufhorchen. Spaß macht jedoch auch der in Würde gealterte V 70, weil er schon ein bisschen nostalgisch anmutet mit seinen Bedienelementen und der damals noch etwas holzschnittartig-klobigen Architektur. Legendär ist sein Bordcomputer mit dem Drehschalter am Armaturenbrett. Der V 60 dagegen macht als ausgesprochener Dynamiker wohl vor allem Petrolheads glücklich – Sound und Antritt sind Genuss pur.

Ausentwickelt sind selbst aktuelle Autos aber offenbar selbst in Bezug auf die Fahreigenschaften noch nicht. Zwar sind einzelne Disziplinen wie Komfort und Fahrdynamik bereits am oder kurz vorm Gipfel angelangt. Aber am Setup lassen sich noch immer Nuancen verbessern und die Ausgewogenheit könnte sich ebenfalls noch weiter steigern lassen, vom Infotainment und den Assistenzsystemen ganz zu schweigen.

Patrick Broich/SP-X

 


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