Mensch vor Maschine - Audi Grandsphere

Er hat das Zeug zum Star der IAA. Der Audi Grandsphere lässt zwar noch fast ein halbes Jahrzehnt auf sich warten, öffnet aber heute schon Hirn und Herz für die standesgemäße Fortbewegung des Jahres 2025.

SP-X/Ingolstadt. Audis Designchef Marc Lichte ist sichtlich etwas nervös, gibt den Akteuren seines Teams kurze Anweisungen. Stimmt die Lichtstimmung, sitzt die Sichtschutzplane akkurat, sind die Türen des Audi Grandsphere auch wirklich geschlossen, worauf fällt der erste Blick des noch draußen wartenden Besuchers, wenn die Portale zur großen Halle endlich die freie Sicht in deren Inneres erlauben. „Immer, wenn wir ein neues Auto erstmals Außenstehenden zeigen, ist das ein ganz besonderer Tag für mich“, sagt der 52jährige. „Da achte ich ganz genau auf die erste Reaktion unseres Gastes, seinen Gesichtsausdruck, die ganze Körpersprache“.

Solche Momente hat der hoch aufgeschossene Lichte schon oft erlebt, zuletzt im Februar bei der Premiere des elektrischen Audi E-tron GT, dem derzeitigen Flaggschiff der Marke. „Das schönste Auto, das ich je gestalten durfte“, schwärmte er ins Mikrophon. Um Schönheit und Ästhetik geht es zwar auch heute, aber Marc Lichte setzt noch einen drauf: „Das hier ist wohl das wichtigste Auto meiner Laufbahn“. Das Warum ist schnell erklärt: Mit dem Grandsphere zeigt Audi nichts weniger als sein neues Luxusschiff, dass in vier Jahren zunächst parallel zum heutigen A 8 angeboten werden soll, um ihn später dann völlig zu ersetzen. Das alles natürlich mit einer gehörigen Ladung Strom an Bord.

Der Nobel-Audi ist mit satten 5,35 Metern deutlich länger als sein künftiger Vorgänger, mit einer Höhe von knapp 1,40 Meter auch flacher. Maße, die sich aus der Herangehensweise im Frühstadium der Designarbeit ergaben. Lichte erklärt: „Zum ersten Mal haben wir eine Limousine gleichsam von innen nach außen entwickelt, nicht mehr Technik oder Fahrdynamik sollten im Mittelpunkt stehen, sondern der Innenraum“. So wurde also festgelegt, dass das Auto Platz für vier Erwachsene bieten muss, die ihre Reise auf verstellbaren Lounge-Sesseln genießen können. Ist das hintere Gestühl nur ein wenig flexibel, richtet sich der Fokus vor allem auf die vorderen Passagiere, die eine besondere Lebens und Erlebnis-Sphäre vorfinden sollen, wie zum Beispiel ein Raum- und Freiheitsgefühl, das auch einer Yacht oder der Ersten Klasse eines Langstrecken-Airbus zur Ehre gereichen würde. Alles dient dem Wohlbefinden der Menschen, die sich um nichts mehr kümmern müssen. Außer vielleicht noch um die der Frage, welcher Netflix-Blockbuster unterhalb der flachen Windschutzscheibe auf einem wagenbreiten Monitor dank Highspeed-Streaming abgespielt wird oder welches Hörbuch der Bordrechner mit sanfter Stimme vorliest. Die „Maschine Auto“ ordnet sich dem Menschen unter, bedient ihn mit gewünschten Informationen zum Beispiel über das Reiseziel.

Vor allem aber soll das einst seelenlose technische Gefährt den Menschen vor Verantwortung, Stress und nötiger Konzentration auf das gefährliche Treiben da draußen bewahren. Es geht natürlich um die autonome, also fahrerlose Fortbewegung. Und ein Premium-Hersteller, der seit Jahren von dieser Technik spricht, muss bei einem neuen Modell für das Jahr 2025 natürlich auch daraufsetzen. Also werden beim Grandsphere Lenkrad und Pedale eingezogen, alle Instrumente, Anzeigen und Schalter unsichtbar gemacht. Nichts profan Alltägliches, das an Mühsal und Gefahren beim Autofahren der 20 Jahre im 21.Jahrhundert darf, soll die neue Harmonie zwischen Mensch und Technik stören. Der genervte Lenker von einst taucht ein in eine virtuelle Traumwelt.

Dabei muss die Technik des Autonomen neue Höchstleistungen bringen und beherrschen. Schließlich hat der Grandsphere zwei Elektromotoren mit zusammen 530 kW/720 PS, verteilt 960 Newtonmeter auf die beiden Achsen, erledigt spielerisch leicht und trotzdem mit der Ernsthaftigkeit eines Hochleistungscomputers alle Aufgaben wie Lenken, Bremsen, Navigieren und darf dabei keinesfalls Fußgänger oder Radfahrer gefährden oder sie aus Leichtsinn oder Unvermögen gar umbringen.

Der Audi wird´s schon richten, soll zum netten Kumpel auch eines übriggeblieben Golf 2 werden und so zum Frieden im Straßenverkehr beitragen. Sein technisches Rüstzeug ist vielfältig. Die 120-kWh-Batterie, die eine Reichweite von 750 Kilometern ermöglichen soll und per 800-Volt-Ladetechnik in weniger als zehn Minuten Strom für 300 Kilometer nachtanken kann. Dass sich das schlanke Dickschiff in kaum mehr als vier Sekunden auf Tempo 100 katapultieren kann, überrascht bei alledem auch nicht mehr sonderlich. Schon eher verwundert die Gestaltung der Außenhaut, die zwar hochmodern und selbstbewusst gestylt ist, aber im Gegensatz zu früheren Audi-Concepts keinesfalls aufdringlich oder gar martialisch daherkommt.

Der Grandsphere aus Oberbayern wird sicher als ein Highlight der IAA gefeiert werden, auch wenn die angestrebte Zeitschiene seines Auftritts durchaus skeptisch zu sehen ist. Autonomes Fahren mit Level 4 wird wohl nicht schon in vier Jahren möglich sein, wenn der Audi auf die Straße kommt. Sicher wird es 2025 mehr Funktionen als heute geben, derart autonomes Fahren wie beim Grandsphere beschrieben, ist halt Zukunftsmusik. Aber wenn es dann einmal losgeht mit dem entspannten Fahren im Luxusabteil, ist zumindest alles schon vorbereitet, vielleicht sogar schon vorinstalliert und muss dann nur noch per Update aus dem Internet freigeschaltet werden.

Peter Maahn/SP-X


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